Der Bitcoin – Geburt eines neuen Finanzsystems oder globale Blase?

Die Entwicklung des Bitcoins

Der Bitcoin hat eine unglaubliche Entwicklung hinter sich. Seit 2009 gibt es ihn, zum 01.01.2017 war er 1.000 USD wert. Aktuell steht er bei ca. 15.000 USD pro Coin. Diese gigantische Wertentwicklung zieht heftige Diskussionen nach sich. Geburt eines neuen (besseren) Finanzsystems oder globale Blase?

Die aktuelle Diskussion

Innovative Denker sehen im Bitcoin ein neues Finanzsystem, viele Banker und klassischen Ökonomen eine Spekulationsblase:

Was steckt hinter dieser Diskussion?

Gründe, warum der Bitcoin eine Blase sein soll

Im Wesentlichen werden die folgenden Gründe angeführt:

  • „Bitcoin ist nicht in der Lage, funktionierende Finanzsysteme zu verdrängen“ (also nicht besser als bestehende Währungen)
  • „Der Kurs von Bitcoin schwankt zu stark, um als Währung erfolgreich zu sein““
  • „Bitcoin hat keinen inhärenten Wert“ (Gold hat z. B. einen Materialwert)
  • „Die aktuelle Kurs-Explosion deutet auf eine Blase hin“
  • „Bitcoin hat weder materielle noch immaterielle Assets“
  • „Der Bitcoin ist kein staatlich anerkanntes Zahlungsmittel“

Klären wir zunächst, was der Bitcoin eigentlich ist:

Der Bitcoin – ein digitales Finanzsystem basierend auf der Blockchain-Technologie

Durch die Bitcoin-Blockchain können Werte digital voll automatisiert übertragen werden. Dies war bisher unmöglich, da in der digitalen Welt alles beliebig verfielfältigt werden konnte (siehe z. B. Raubkopien).

Die Bitcoin-Blockchain sorgt dafür, dass ein Bitcoin immer ein Bitcoin ist. Bitcoins können nicht beliebig vervielfältigt werden. Sie können auch nicht gelöscht werden. Und sie können in der Blockchain nicht gestohlen werden (sämtliche Diebstähle/Hacks von Bitcoins sind außerhalb der Blockchain erfolgt). Durch das gigantische Mining-Netzwerk des Bitcoins entsteht eine Sicherheit des Systems, die so einzigartig ist.

Durch die Automatisierung von Transaktionen entsteht ein gigantisches Einsparpotenzial, das weit über reine Bezahlvorgänge hinaus reicht.

Brauchen wir ein neues Finanzsystem?

Wenn wir in Europa oder Nordamerika leben, können wir eigentlich zufrieden sein. Unsere Banken sind sicher, Geld und Vermögen sind vor staatlichem Zugriff weitestgehend geschützt, die Korruption ist überschaubar, Zahlungen können schnell und einfach abgewickelt werden (Kreditkarte, Geldautomat, SEPA-Überweisung, Paypal…). Aber nur, wenn ich ein Bankkonto habe. Denn unser System hat einen zentralen Fehler: es funktioniert nur mit Banken, die jede Transaktion prüfen und verifizieren. Dies ist aufwendig und teuer.

Unser Finanzsystem ist analog.

Es verhindert den nächsten Schritt der Digitalisierung. Maschinen können heute bereits miteinander kommunizieren. Was sie nicht können, ist Werte übertragen. Wenn ein Industrieroboter fortlaufend selbständig neue Schrauben beim Lieferanten bestellt, müssen diese Transaktionen dennoch im Nachhinein geprüft werden. Die Blockchain-Technologie ist somit eine Schlüsseltechnologie für das Internet of Things (IOT) und Industrie 4.0.

Unser Finanzsystem ist anfällig für Manipulation und Kontrolle.

In unserem aktuellen System werden Daten zentral an einem Ort gespeichert und durch Firewalls geschützt. Wenn ein Hacker eindringt, kann er die Daten nach Belieben verändern. Macht er dies gut, kann der Missbrauch nicht mehr rückgängig gemacht werden.

Zentrale Institutionen (Regierungen, Zentralbanken, Banken, Zahlungsanbieter) können Daten ebenfalls unbemerkt abändern oder auf Knopfdruck Konten sperren. Unser System basiert auf dem Vertrauen zu diesen zentralen Institutionen.

In vielen Ländern fehlt dieses Vertrauen. Menschen werden ausspioniert, entführt und politisch „umerzogen“ oder Institutionen sind korrupt. Finanzielle Manipulationen sind mit Bitcoin nicht möglich.

Bitcoin-Konten können nicht gesperrt werden, die Daten in der Blockchain sind vor Manipulation geschützt. Niemand kann mir mein Geld einfach wegnehmen, Vermögen ist über das Internet weltweit transferierbar (und da die Bitcoin-Blockchain auch auf Satelliten läuft, sogar im Weltall).

Ohne Bankkonto geht fast nichts.

Banken spielen in unserem aktuellen System eine zentrale Rolle. Als Finanzintermediäre ist es ihre Aufgabe, Transaktionen zu dokumentieren, zu prüfen, zu verifizieren und auszuführen. Die einzige Möglichkeit, Geld ohne ein Bank zu übertragen ist Bargeld. Die Banken sind die Buchhalter unseres Systems – „wer schreibt, der bleibt“.

Durch diese zentrale Stellung haben sie viele Möglichkeiten: Giralgeldschöpfung, Kreditvergabe, Handel mit Werten… Diese Stellung ist gerechtfertigt, wenn man ihnen als zentrale Institutionen vertrauen kann. Dies kann man aber noch nicht einmal in Deutschland uneingeschränkt, in anderen Ländern noch viel weniger.

Und es gibt weltweit Milliarden Menschen, die kein Bankkonto haben. Sie sind aktuell von unserem Finanzsystem ausgeschlossen. Am dezentralen System des Bitcoins kann sich jeder beteiligen, sofern er ein Smartphone und Internet hat. Egal wo man lebt, egal wieviel Geld man hat und egal wie sicher die staatlichen Systeme sind.

„Bitcoin ist nicht in der Lage, funktionierende Finanzsysteme zu verdrängen“

Dieser Einwand ist irrelevant. Wenn ich in Deutschland lebe und in Bitcoin investiere, ist mir doch egal, ob der Bitcoin den Euro verdrängt. Solange der Bitcoin weltweit schlechte Finanzsysteme ersetzt, kann ich das doch von hier aus unterstützen und davon profitieren. Und wenn die EZB durch einen Bitcoin gezwungen wird, den Euro besser zu behandeln und nicht die Zinsen künstlich niedrig und die Inflation hoch zu halten, geht es meinem Vermögen hier auch besser. Dieser Einwand zeigt leider nur, dass insbesondere Experten zu einem Tunnelblick neigen und wie jeder andere auch, ab und zu über den Tellerrand hinaus schauen sollten.

„Der Kurs von Bitcoin schwankt zu stark, um als Währung erfolgreich zu sein“

Das ist aktuell richtig. Der Bitcoin ist ein Finanzsystem, das am Wachsen ist. Ein Auto mit leerem Tank kann nicht fahren. Das Bitcoin-System wird aktuell „betankt“, wenn es voll ist, wird es sich irgendwann auf einen Anteil der Weltwirtschaft einpendeln und stabiler sein. Und dann ist es auch als Währung geeignet.

Das ist mit jedem neuen System so. Bis das Internet funtionierte, waren gigantische Investitionen notwendig. Für GPS mussten Hunderte von Satelliten ins Weltall geschossen werden. Damit ein System funktionieren kann, muss erst Infrastruktur aufgebaut werden. Der Bitcoin ist ein Finanzsystem – es muss Vermögen in den Bitcoin fließen, um dieses System aufzubauen. Und wer hätte heute nicht gerne einen Anteil an diesen Systemen?

„Bitcoin hat keinen inhärenten Wert“

Wie entsteht ein Wert? Gold ist wertvoll, weil es knapp ist, einen Nutzen hat, nicht schlecht wird und man es nicht einfach kriegt, sondern schürfen muss (man muss dafür arbeiten/investieren). Aus diesem Grund sind Kieselsteine auch weniger wert. Und Diamanten mehr.

Wie ist es mit dem Bitcoin?

Der Bitcoin ist knapp. Es kann maximal 21 Millionen Coins geben. Dieser Wert kann nicht mehr verändert werden.

Ein Bitcoin wird nicht schlecht. Die Coins sind für immer in der Blockchain gespeichert, sie können nicht gelöscht werden.

Das Mining eines Bitcoins kostet Geld. Ich bekomme Bitcoins nicht geschenkt. Ich muss diese kaufen oder durch Mining schaffen. Aktuell kosten das Schürfen eines Bitcoins ca. 1.500 USD. Hierdurch entsteht ein Basiswert, genau wie bei Gold oder jedem anderen Rohstoff.

Der Bitcoin ist nützlich. Als Vermögensspeicher, als Zahlungssystem, zur Datensicherung, für das Internet of Things und vieles mehr. Wir wissen heute noch nicht, welche Anwendungen einmal auf der Bitcoin-Blockchain aufsetzen werden. Als die ersten E-Mails verschickt wurden, konnten wir uns auch nicht vorstellen, dass irgendwann über das Internet kostenlos weltweite Videotelephonie oder das Streaming von HD-Filmen möglich wird.

Bitcoins können auch nicht gestohlen werden, solange sie in der Blockchain sind. Wenn mein Staat zusammen bricht, kann ich sie deutlich einfacher mitnehmen als Goldbarren.

Und der Bitcoin ist durch einen Sachwert gedeckt. Gold hat seinen Materialwert, der Bitcoin hat das globale Mining-Netzwerk, dass die Technologie durch seine schiere Größe nahezu unverwundbar macht.

Dieser Einwand zeigt nur, dass auch Experten nicht einfach ihr bestehendes Weltbild auf eine neue Technologie übertragen dürfen. Und der Vergleich mit Tulpenzwiebeln ist lächerlich.

„Die aktuelle Kurs-Explosion deutet auf eine Blase hin“

Der Bitcoin befindet sich aktuell in einer Phase exponentiellen Wachstums. Exponentielles Wachstum kann ein Zeichen für Spekulation sein. Es kann aber auch ein Zeichen für die Durchdringung eines Marktes sein. Die Bitcoin-Blockchain ist eine disruptive Technologie die unser Leben für immer verändern wird. Disruptive Innovationen gehen immer mit exponentiellen Wachstum einher (siehe Diffusionstheorie):

Quelle: Wikipedia

Handelt es sich also bei der Bitcoin-Blockchain um eine Blase oder um eine disruptive Innovation? Jeder Experte, der sich intensiv mit dem Thema beschäftigt, kann hier nur zu einem Ergebnis kommen!

In diesem Artikel werden 14 der erfolgreichsten Ökonomen und Pioniere der Digitalisierung zu Bitcoin zitiert:

14 Bitcoin quotes by famous people

 

Und dann ist die wichtigste Frage: Wo sind wir auf der Kurve? Am Anfang oder kurz vor einer Druchdringung des breiten Massenmarktes?

„Bitcoin hat weder materielle noch immaterielle Assets“

Dies ist die klassische Perspektive eines Value-Investors. Der Unternehmenswert wird als die Summe seiner Werte definiert: Maschinen, Immobilien,… (materiell) + Patente, Rechte, Marken… (immateriell).

Bezogen auf den Bitcoin ist die Aussage richtig. Der Bitcoin hat weder materielle noch immaterielle Werte. Die Hardware, das gigantische Mining-Netzwerk, gehört den Minern, nicht dem Bitcoin. Die Software ist Open Source, sie darf frei verwendet werden. Der anonyme Erfinder des Bitcoins (Satoshi Nakamoto) hat sie verschenkt, sie gehört zu je 50% dem Fraunhofer Institut und dem MIT.

Aus klassischer Investment-Sicht ist der Bitcoin wertlos. Dies liegt aber nur an der falschen Perspektive. Der Bitcoin ist kein Unternehmen, sondern ein neues Finanzsystem. Wenn ich den Euro (oder noch schlimmer den Dollar) wie ein Unternehmen bewerte, dann haben diese ebenfalls keinerlei Assets außer dem Versprechen, dass man mit diesen Währungen auch in Zukunft zahlen kann (was beim Dollar auf jeden Fall anzuzweifeln ist, wenn man die Staatsverschuldung der USA betrachtet).

„Der Bitcoin ist kein staatlich anerkanntes Zahlungsmittel“

Diese Aussage ist richtig und falsch. Der Bitcoin ist in mehreren Ländern weltweit als Zahlungsmittel in der Diskussion oder bereits staatlich anerkannt (z. B. Japan oder  Australien). In der Schweiz kann man in manchen Kantonen seine Steuern mit Bitcoin zahlen, Estland hat seine gesamte öffentliche Verwaltung auf Blockchain umgestellt, Dubai plant dies bis 2020.

Ansonsten ist es aktuell so, dass es ungefähr genauso viel Sinn macht, einen Zentralbanker zu fragen, was er von Bitcoin hält, wie es 1990 sinnvoll war, einen Briefträger zu E-Mail zu fragen.

Faszinierend ist aber, dass in nahezu jedem Land dieser Erde Bitcoin an oberster Stelle diskutiert wird, oder nicht?

Zusammenfassung

Langer Artikel. Die aktuelle Diskussion ist spannend. Aber irgendwie erscheint der Eindruck, dass die Befürworter sich sehr gut, die Pessimisten aber sehr schlecht mit dem Thema auskennen. Woran liegt das? 2 Möglichkeiten:

1) Experten liegen weniger, dann aber deutlicher daneben

Als Experte habe ich ein tiefes Verständnis der Welt. Ich bin damit sehr erfolgreich geworden. Wenn sich die Welt verändert, passt aber mein Weltbild nicht mehr. Ich argumentiere gegen eine Sache, ohne es für nötig zu befinden, mich tiefer in das Thema einzuarbeiten. Und dann entstehen krasse Fehleinschätzungen wie oben dargelegt.

2) Politisch motiviertes Contra

Bitcoin bedroht unsere bestehenden Systeme, Vermögen wird umverteilt. Es ist nicht auszuschließen, dass sich der eine oder andere hier bedroht fühlt und das Etablierte zu schützen versucht.

Nur so kann ich mir die teilweise sehr oberflächliche Analyse der meisten Experten zum Thema Bitcoin erklären. Denn ich erwarte ja genau das Gegenteil von einem Experten: gründliche Analyse, fundierte Aussagen.

Bitcoin und Blockchain sind die Zukunft und werden unser Finanzsystem für immer verändern.

2 thoughts on “Der Bitcoin – Geburt eines neuen Finanzsystems oder globale Blase?

  1. Sehr aufschlussreicher Artikel! Geeignet, Unsicherheiten zu relativieren. Sehr gut und verständlich geschrieben. Verstehe sogar ich!
    Die Adventszeit lädt uns, ja fordert uns geradezu auf, NEU hinzuschauen, QUER zu denken, alte Denkmuster zu verlassen und sich auf NEUES einzulassen, indem wir es verstehen wollen!
    In diesem Sinne: Frohe Adventszeit! 😉 !

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